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Frage einer SA-Betroffenen zur Geduld…

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Gestern Abend erreichte mich ein Anruf einer Schlaganfall betroffenen Frau, die mich aufgrund des Zeitungsartikels von vergangener Woche gerne sprechen wollte.

Sie fragte mich, ob es in meinem Buch auch um „Geduld“ ginge??

Denn sie hätte keine Geduld mehr und wollte wissen, wie sie es anstellen soll, mit dieser Krankheit und den nur extrem langsam voranschreitenden Verbesserungen ihres körperlichen Zustandes zurecht zu kommen.

Ich wusste genau, was diese Frau empfindet und wie vernichtend das Gefühl ist, sich plötzlich und unerwartet in einer körperlich behinderten Situation wiederzufinden und nur noch die Erinnerung in sich zu tragen, wie es ist, sich frei und ohne fremde Hilfe fortbewegen zu können.

Auch sie ist, wie ich es damals war, linksseitig gelähmt. Ihr Schlaganfall liegt erst drei Monate zurück. Eine kurze Zeit.

Drei Monate nach dem Geschehen sind in vielen Fällen noch keine großen Fortschritte erreichbar, denn jede einzelne Bewegung muss mühsam und geduldig NEU erlernt werden. Dies unter größter Disziplin und geistiger Anstrengung.

Ich wollte der Frau nicht einfach nur sagen, dass es ZEIT bräuchte und sie GEDULD haben muss. Auch wenn es tatsächlich genau darum geht! Doch dies war ja genau der Punkt, der ihr schwer fiel. Ich erinnerte mich an meine Zeit und versuchte ihr meine zu damaligen Zeitpunkt in mir aufkeimende Erkenntnis der Hingabe, die bei mir resultierend aus einer unfassbar traurigen Gemütsverfassung, die fast einem kurzzeitigen Aufgeben gleichkam, näher zu bringen.

Ich wollte keinen KAMPF führen. Kampf bedeutet Widerstand und erzeugt Druck. Genau das konnte ich nicht mehr ertragen. Ich war damit beschäftigt, mich so anzunehmen, wie es sich durch den Schlaganfall verändert hatte. Ich nahm an, was sich mir offenbarte und ich spürte immer mehr, wie sich dadurch der Schmerz kontinuierlich minimierte. Es dauerte, ja es gibt heute noch Tage, an denen es mir schlecht geht und ich muss(te) mich durch diesen Schmerz durcharbeiten und arbeite noch heute daran. Dennoch hatte ich nie den Gedanken, dass ich etwas „weg“ haben wollte, sondern ich verbündete mich mit meinen Gefühlen und meiner Krankheit.

Annehmen heißt auch Loslassen. Die Vorstellung loszulassen, wie ich war und wie ich sein wollte. Mich stattdessen genauso zu akzeptieren und zu lieben, wie ich bin.

Eine Krankheit, ganz gleich welcher Art, ist NICHT nur eine Krankheit. Sie ist uns stets ein guter Lehrmeister in den Dingen, die wir eventuell bis zu diesem Geschehen vernachlässigt oder gänzlich übersehen haben.

Wenn wir uns unsere aus einer Krankheit heraus entstehenden Lebenslage bis in den tiefsten Winkel genau betrachten und uns ehrlich fragen, was JETZT anders ist als vor dem Ereignis, dann kommen wir unserem „entrückten“ Kern wieder näher. Wir kommen den Anteilen von uns, die wir haben „verwahrlosen“ lassen auf die Spur und haben so die Gelegenheit, diese wieder in unser Leben zu integrieren.

Es geht darum, sich den Umständen, auch wenn man sie aktuell noch so sehr verfluchen sollte, mit seiner gesamten Aufmerksamkeit hinzugeben. Mit sich selbst geduldig zu sein und nicht der Vergangenheit hinterherzujagen und zu glauben, dass „vorher“ alles besser war.

Das gedankliche Konstrukt zu durchschauen und die Gedanken nicht auf die Vergangenheit zu richten, sondern sich immer nur auf den jeweiligen Moment zu focussieren. Wie sollte Ungeduld dazu beitragen, dass ein Fortschritt schneller eintritt? Ungeduld wirkt zerstörerisch und erinnert uns beständig daran, dass unsere Umstände nicht so sind, wie wir sie uns wünschen. Annahme und Hingabe dagegen bringen uns ganz von selbst in die Geduld.

Viele Menschen glauben zudem, dass sie sich nicht ändern können und bestärken ihr jeweiliges Merkmal mit den Worten: „So bin ich nun mal“!

Doch auch hier ist es wichtig, nicht an „Altem“ festzuhalten und irrigerweise zu glauben, dass eine Veränderung oder Verbesserung unmöglich sei.

Es ist sehr schwer, Menschen, die diese Haltung einnehmen, zu zeigen, dass Veränderung immer möglich ist.

Einzig und allein die Gedanken halten uns gefangen in der Vergangenheit. Wenn wir uns öffnen und ALLES für möglich halten, wir keinerlei Beschränkung akzeptieren und aufhören, einen Kampf zu führen, sondern geduldig und voller Dankbarkeit uns dem jeweiligen Jetzt-Moment bereit sind, hinzugeben, dann tritt ganz automatisch eine enorme Erleichterung ein und Heilung kann geschehen.

Heilung vollzieht sich für mich zunächst auf geistiger Ebene. Wie der jeweilige Körper dann darauf reagiert, kann nur jeder für sich selbst erfahren und herausfinden.

Ungeduld kostet enorm viel Energie und diese Kraft benötigt ein erkrankter Mensch auf anderer Ebene und sich dessen bewusst zu werden, ist ein großer und lohnenswerter Schritt, sich selbst die Gelegenheit zu geben, das eigene Schicksal zu verwandeln und zu verändern.

Diese Frau hörte mir aufmerksam zu…..ob sie mir folgen konnte, war ihrer zunächst stillen Reaktion nicht zu entnehmen. Selbstverständlich ging ich dabei sehr auf sie und ihre Situation ein.

Es darf auch nicht dabei übersehen werden, dass es „meine“ Art war, mit diesem Lebensereignis auf diese Weise umgehen zu lernen. Was für mich genau das Richtige war, muss nicht automatisch für andere Menschen richtig sein.

Es ist eine Option von Vielen! Der herzlichen Verabschiedung und einer spürbaren Erleichterung, die ich ihrer Stimme entnehmen konnte, stimmte mich zuversichtlich, dass sie Hoffnung schöpfte und neue Impulse erhalten hatte.

-Stefanie Will-

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Autor:

Ich freue mich über deinen Besuch und dein Interesse. Wenn du mehr über mich und mein Sein erfahren möchtest, besuche doch einen meiner Blogs. Von Herzen Stefanie

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