Veröffentlicht in Allgemein, Leseproben

Leseprobe -4-

„Die Tatsache, sich plötzlich und schlagartig nur halb wahrnehmen und spüren zu können, gleichzeitig mit den Augen aber einen gesamten Körper zu sehen, der dann aber nur halbseitig funktioniert, war in diesem Zustand sehr verwirrend für mich und ist es manchmal auch heute noch.

Denn meine beiden Körperhälften signalisieren mir komplett unterschiedliche Empfindungen. Mittlerweile betrachte ich allerdings diese Andersartigkeit im Fühlen und Spüren als eine großartige Bereicherung meiner Empfindungsfähigkeit. Ich empfinde es als absolut positiv, etwas Neues bei meiner Körperwahrnehmung erfahren zu dürfen.

Die Unterschiedlichkeit meiner Wahrnehmung bezogen auf meine zwei Körperhälften, die beide etwas anderes an Empfindungen signalisieren, stehen für mich symbolhaft für das von mir Erlebte in der „anderen Welt“ und mein Dasein auf unserer wunderschönen Erde.

Mir wurde vermittelt, dass ein beständiges Üben unerlässlich sei und die häufigen und mehrfachen Wiederholungen am Tag entscheidend für meinen Behandlungserfolg wären. Jede Bewegung musste ich komplett neu lernen. Wenn die Ergotherapeutin mir sagte, ich solle versuchen, den Arm ein wenig vom Bett anzuheben, so verstand ich sie verbal. Aber erneut hatten wir den Umstand, dass ich nicht wusste, wie das gehen sollte. Immer wieder tat ich mit dem rechten Arm das, was sie von mir erwartete, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie ich es auf der linken Seite bewerkstelligen sollte.

Es dauerte lange und war ein mühsames Erarbeiten kleinster, kaum sichtbarer Fortschritte. Es gelang mir irgendwann, nach einigen Tagen der beharrlichen Probe, den Arm wenige Zentimeter über meiner Bettdecke zu halten. Es waren nur Sekunden und dann fiel er wieder hinunter und ich war nach mehreren Versuchen sichtlich erschöpft.

Eine Erfahrung, die ich mir in der Theorie, wenn mir jemand davon berichtet hätte, niemals in dieser Schwierigkeit und Gesamtanstrengung, sowohl physisch als auch psychisch hätte vorstellen können.

Mir wurde immer mehr bewusst, wie perfekt unser Körper, oftmals im normalen Leben auch unter schwierigsten Bedingungen vollkommen zuverlässig funktionierte. Welches Wunderwerk er war und ich entwickelte mit jedem Tag mehr, eine tiefgehende Einheit zwischen meinem Körper und meinem Geist.

Ich empfand unbändige Liebe und Mitgefühl für mich und meinen Körper. Eine unglaubliche Geduld und Hingabe im Üben der Wiederherstellung meiner Bewegungsfähigkeit wurde mir mit jedem folgenden Tag mehr zuteil. Ich war nie sehr geduldig vor meinem Schlaganfall, nichts konnte mir schnell genug gehen und wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt hatte, machte ich mich sogleich daran, dies zu verwirklichen.

Nun wurden die winzig kleinen Fortschritte, wofür ich Tage brauchte, zu einem wunderbar erfüllenden und von Freude durchdrungenem Ereignis für mich.

Ich hatte die beständige Aufgabe, mich auf mich und meine Möglichkeiten einzulassen, sie zu fördern und zu verbessern. Es lag nur an mir, wie ich damit umging, welchen Ehrgeiz ich bei meinen täglichen Übungen an den Tag legte und wie ruhig und demütig ich mit meinem Zustand umging.

Dieses Zusammenspiel ergab die kleinen Erfolge, die für mich aber ALLES bedeuteten. Wie unglaublich ich mich über jede kleinste Verbesserung freute, wie glücklich ich war, als ich meinen Arm das erste Mal leicht bewegen konnte. Auch wenn ich ihn nicht in Bewegungsabläufe mit einbeziehen konnte, so spürte ich, dass mir alles möglich war, wenn ich nur kontinuierlich daran arbeitete.

Große Hoffnung breitete sich in mir aus.

(c) Copyright Textauszug Buch „Alles auf Null und noch einmal von Vorne“, Stefanie Will

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Ich freue mich über deinen Besuch und dein Interesse. Wenn du mehr über mich und mein Sein erfahren möchtest, besuche doch einen meiner Blogs. Von Herzen Stefanie

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